Geobrugg
Von der Geologin zur Chief Technology Officer (CTO). Helene Lanter hatte keinen fertigen Karriereplan, aber ein klares Verständnis ihrer Stärken. Und nicht zuletzt: Menschen, die ihr Freiraum gaben, ihren Weg zu finden.
Roboter bauen, Songs produzieren, Erfindungen machen. Im Talenticum in Romanshorn können Kinder und Jugendliche herausfinden, was in ihnen steckt. Ohne klassischen Schulunterricht, ohne vorgegeben Resultate. Was das mit der Wirtschaft im Oberthurgau zu tun hat? Mehr als Sie vermuten.
«Was möchtest du mal machen?». Auf diese Fragen kennen viele Jugendliche nur eine Reaktion. Achselzucken. Keine Überraschung. Wer seine Stärke nicht in den klassischen Schulfächern hat, findet häufig erst gar nicht heraus, wo die eigenen Talente stecken.
Genau hier setzt das Talenticum an, ein ausserschulischer Lernort in Romanshorn für kreatives Forschen und Gestalten. «Wir sind überzeugt, dass jedes Kind ein Talent, eine besondere Fähigkeit hat. Wir schaffen den Raum, damit junge Menschen herausfinden, was sie gut können», erklärt Patrick Forrer, Geschäftsleiter der Talenticum AG.
Und so finden Interessierte hier 12 verschiedene Talentbereiche: von Robotik über Labor, digitale Welt, Erfinden, Start-up bis hin zu Kunst & Design oder Film.
Aus einer Idee soll dabei ein eigenes Projekt werden. Die Talentbegleiter:innen liefern den Jugendlichen Orientierung, aber keine Lösungen. Sie hören zu, stellen Fragen, geben Impulse, wenn es irgendwo klemmt. Und das tut es ziemlich sicher fast immer irgendwann. Genau das ist der Plan.
Hurra, es funktioniert nicht.
Ein Roboter macht nicht, was er soll? Eine Konstruktion stürzt zusammen? Eine Idee steckt in der Sackgasse? Diese Momente gehören beim Talenticum zum Konzept. «Scheitern gehört für uns ausdrücklich dazu», so Patrick Forrer. «Wichtig ist, dass junge Menschen lernen, Hindernisse zu überwinden, an die eigene Idee zu glauben, Resilienz aufzubauen».
Was dann passiert? Jugendliche lernen mit ihren Begleitpersonen Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen, andere um Hilfe zu bitten, zusammenzuarbeiten und an einer Sache dranzubleiben. Daraus wächst auch das Selbstvertrauen ins eigene Talent.
Das Talenticum spricht dabei von «4K»: Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration. Alles Dinge, die im Arbeitsalltag zentral sind, so in der Schule aber selten gelernt werden. Patrick Forrer: «Diese Kompetenzen entstehen nicht, weil wir darüber reden oder lesen. Das muss jede:r für sich selbst erleben.»
Wer an einem Roboter tüftelt, lernt Technik anders als in der Theorie. Und wer einen Film produziert, entdeckt vielleicht, dass sie ein Organisationstalent ist. Im Talenticum haben die Experimente darum zwei wichtige Funktionen. «Erstens, dass die Jugendlichen aus bislang unbekannten Interessen eine berufliche Richtung entdecken können», sagt Patrick Forrer.
Und dass sie Fähigkeiten lernen, die immer wichtiger werden: Fragen stellen, Eigeninitiativen entwickeln, kritisch hinterfragen, Ideen finden, zusammen Lösungen entwickeln. «Das sind die heutigen Bedürfnisse in der Wirtschaftswelt», ist Patrick Forrer überzeugt.
Das Talenticum ist aber nicht nur eine Talentschmiede. Unternehmen aus der Region können die Kreativität und Power der Jugendlichen auch für ihre Herausforderungen nutzen.
«Wir laden Unternehmen ein, ihre Projekte oder Innovationen mit unseren Talenten zu teilen. Und sie für neue Lösungen forschen zu lassen». Wichtig ist dabei ein offener Geist: «Wie würdet ihr das lösen?» als Sprungbrett also für neue Ideen und Innovationen. Und noch keine fixen Vorgaben.
Und dann geht’s los. Jugendliche recherchieren, entwickeln Thesen, programmieren, bauen Modelle oder Prototypen. Und präsentieren anschliessend ihre Vorschläge den Auftraggebenden. Patrick Forrer sieht in dieser Zusammenarbeit Chancen für beide Seiten. Jugendliche erleben, dass ihre Fähigkeiten auch ausserhalb des Talenticums eine Bedeutung haben. Und Unternehmen lernen Inspiration durch junge Menschen kennen, die dereinst engagierte Mitarbeitende sein können.
Ein Win-Win für beide Seiten. Noch steht diese Form der Zusammenarbeit ganz am Anfang. Patrick Forrer ist darum stets auf der Suche nach Unternehmen, die dieses kreative Potential für sich entdecken möchten.
Derzeit plant das Talenticum einen Erweiterungsbau. So soll ein weiteres Haus mit zusätzlichen Werkstätten und Talentbereichen in Romanshorn entstehen. Doch der Neubau ist mehr als nur zusätzliche Infrastruktur.
Das Talenticum soll zu einem Ort werden, an dem junge Menschen, Schulen und Unternehmen stärker miteinander in Berührung kommen. Unternehmen können so Technologien, Erfahrungen und Fragestellungen einbringen, Jugendliche ihre Neugier und ihre Ideen.
«Unternehmertum beginnt nicht erst mit der Gründung einer Firma. Das geht viel früher los: mit einer eigenen Idee, mit Ausprobieren und Tüfteln, mit Verantwortung übernehmen, Scheitern und Lösungen finden. Also mit vielem, was Jugendliche im Talenticum lernen», ist Patrick Forrer überzeugt.
Kann das Talenticum tatsächlich etwas gegen den Fachkräftemangel tun?
Natürlich, das Talenticum kann die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung nicht im Alleingang lösen. Das ist eine Aufgabe, die wir gemeinsam mit Schulen, Berufsbildung, Eltern und Unternehmen in der Region lösen müssen. Unser Beitrag liegt darin, Interessen und Talente zu fördern, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken und Kompetenzen zu entwickeln, die heute gefragt sind. Und insbesondere auch Brücken zur Berufswelt zu bauen.
Wie kommt ein Projekt eines Unternehmens ins Talenticum?
Vorweg. Es muss nicht immer ein grosses Projekt sein, auch kleinere Challenges nehmen wir gerne an. Am einfachsten ist es, wenn Unternehmen bei uns vorbeikommen. Im Gespräch finden wir heraus, worum es geht und welche Fähigkeiten und Menschen gesucht sind. Dann stellen wir unsere Teams zusammen. Und schon kann der Lernprozess für alle losgehen.
Was wäre für Sie in 5 Jahren der schönste Beweis, dass die Idee funktioniert?
Ganz einfach. Wenn unsere Talente ihre Fähigkeiten in der regionalen Wirtschaft einbringen und sich entfalten können. Und das Tüpfchen auf dem i? Eine Innovation, die ihren Ursprung im Talenticum hatte.