Geobrugg
Von der Geologin zur Chief Technology Officer (CTO). Helene Lanter hatte keinen fertigen Karriereplan, aber ein klares Verständnis ihrer Stärken. Und nicht zuletzt: Menschen, die ihr Freiraum gaben, ihren Weg zu finden.
Grosse Innovationen sind nur grossen Firmen vorbehalten. Wirklich? Wie’s anders geht, zeigt ISA bodywear. Das Familienunternehmen aus Amriswil spannte mit zwei Schweizer Textilspezialisten zusammen. Und voilà. Heute verarbeitet es das erste Baumwollgarn aus 100% recycelter Baumwolle. Wie das ging? Eine ziemlich gut verstrickte Geschichte.
Die Schlagzeilen gingen um die Welt: «Bahnbrechende Erfindung aus der Schweiz». Die Story dahinter: Säntis Textiles hatte eine Maschine entwickelt, die erstmals und ohne Chemie aus Textilabfällen neues Baumwollgarn herstellt. RCO100 heisst die Technologie. Eine Innovation also. Nur: Ein 100% recyceltes Garn allein macht noch kein Kleidungsstück.
Hier kommt ISA bodywear ins Spiel. Das Amriswiler Unternehmen ist der letzte Wäschehersteller in der Schweiz mit hauseigener Strickerei. Als man hier von RCO100 erfuhr, war schnell klar: «Wir wollten ausprobieren, wie sich dieses Garn auf unseren Maschinen verarbeiten lässt. Schliesslich setzen wir uns seit Generationen für nachhaltige Lösungen ein», erklärt Christian Sallman, Co-CEO bei ISA bodywear.
Aus den ersten Kontakten wurden erste Tests. Und schliesslich eine strategische Partnerschaft. Nach rund sechsmonatiger Entwicklungszeit lancierte ISA bodywear die ersten Produkte, komplett aus 100% recyceltem Baumwollgarn. Die grösste Überraschung? «Dass es kaum welche gab», schmunzelt Christian Sallmann. «Wir waren sehr überrascht, wie gut sich das Garn verarbeiten liess und wie wunderbar sich die Wäschestücke auf der Haut anfühlen».
Damit dies möglich wurde, brauchte es einen dritten Partner. Denn der Stoff muss noch veredelt werden. Hier kommt E. Schellenberg Textildruck aus Fehraltorf ins Spiel. Das ebenfalls familiengeführte Schweizer Unternehmen übernimmt diese Produktionsschritte. Zuschnitt und Konfektion erfolgen anschliessend über ISA. Beim RCO100-Projekt werden die Kleidungsstücke im ISA-eigenen Werk in Portugal konfektioniert. Damit greift bei RC0100 eine Kompetenz in die nächste.
Säntis Textiles entwickelt und liefert das Garn. ISA bodywear strickt die Rohware und produziert aus dem Stoff hochwertige Wäsche Die Stoffveredelung erfolgt durch E. Schellenberg. Keines der drei Unternehmen hätte das fertige Produkt in dieser Form allein realisieren können. Und genau das macht die Geschichte umso bemerkenswerter.
Alle drei Unternehmen bewegen sich in derselben Branche. Trotzdem gab es keine Berührungsängste. «Der Grund ist ganz pragmatisch: Wir alle bewegen uns in anderen Bereichen der Wertschöpfungskette», so Christian Sallmann. «Jeder kann etwas, das der andere braucht».
Das ist in der heutigen Schweizer Textilindustrie besonders relevant. Vieles, was früher im Inland produziert wurde, gibt’s hier nicht mehr. «Innovation heisst darum zunehmend, sich strategisch zu verknüpfen und im Netzwerk Lösungen zu entwickeln, mit denen wir uns im Markt differenzieren können», erklärt Sallmann.
Mit Kooperation zum Erfolg. Klingt gut, dass es aber auch funktioniert, dazu braucht es viel mehr als nur «Kaffee und Gipfeli-Meetings».
«Es braucht von allen involvierten Parteien ein starkes Commitment», so Christian Sallmann. «Und dass die Worte auch in Taten umgesetzt werden».
Bei Säntis Textiles, ISA bodywear und E. Schellenberg Textildruck konnte sich alle drei darauf verlassen. Geholfen hat dabei sicher auch, dass hier drei Familienunternehmen zusammenspannten. Denn alle drei denken langfristig, tragen selbst unternehmerische Verantwortung und verfolgen ähnliche Ziele.
Wie sich eine Zusammenarbeit wie diese anfühlt, können Sie selbst ausprobieren. Beim Tragen der ISA-Kollektion aus RCO100. Und das Beste daran? Wenn Sie die Wäsche dereinst aussortieren, entsteht daraus wieder etwas Neues. Denn bei dieser Geschichte ist selbst der letzte Faden nicht das Ende.
Vielleicht ist genau das eine der Stärken des Upper Thurgau: Hier muss nicht jeder alles können. Aber wenn die richtigen Spezialisten ihr Können zusammenbringen, kann aus einzelnen Unternehmen etwas Grosses entstehen. Innovation braucht eben nicht immer nur einen grossen Player, sondern oft einfach die richtigen Mitspieler.
Wie viel Mut braucht Innovation?
Als Erstes braucht’s Mut, überhaupt etwas ausprobieren zu wollen. Das Ergebnis noch nicht zu kennen, heisst ja auch immer, potenziell scheitern zu können. Und sich davon nicht abschrecken zu lassen. Bei RCO100 wussten wir zu Beginn nicht, wie gut sich das Garn auf unseren Maschinen verarbeiten lässt. Und da kommt der zweite Punkt ins Spiel. Ausprobieren und explorieren. Ohne das gibt es keine Neuentwicklung.
Wie findet man eigentlich Kooperationspartner?
Indem man miteinander redet und offen diskutiert, wo gemeinsame Interessen liegen. Networking hilft, die richtigen Leute überhaupt kennenzulernen. Entscheidend aber ist die Haltung, andere Unternehmen nicht einfach als Konkurrenz zu sehen. Wir schauen immer, wo wir unsere Kompetenzen ergänzen können. Manchmal ist ein vermeintlicher Mitbewerber genau der Partner, der uns noch fehlt.
ISA bodywear produziert seit Generationen in Amriswil. Was braucht es, damit das auch so bleibt?
Es braucht Rahmenbindungen, die es uns ermöglichen, sich hier weiterzuentwickeln. Für uns und unsere Mitarbeitenden in Amriswil ist natürlich auch die Verkehrsanbindung besonders wichtig. Es braucht aber auch Offenheit und Dynamik. Denn ein Wirtschaftsstandort lebt nicht nur von seiner Tradition. Es braucht Menschen und Unternehmen, die Neues ausprobieren. Und ein Umfeld, das sie dabei unterstützt.
Christian Sallmann ist Co-CEO der ISA Sallmann AG und führt das Unternehmen zusammen mit seinem Bruder Thomas. Zudem ist er Mitglied des Verwaltungsrats. In seiner operativen Verantwortung beschäftigt er sich unter anderem mit Produktion, Entwicklung und der Frage, wie sich textile Innovationen vom Garn bis zum fertigen Produkt umsetzen lassen.
ISA bodywear ist ein Familienunternehmen mit Sitz in Amriswil und wird heute in siebter Generation geführt. Seit über 175 Jahren produziert ISA hochwertige Tag-, Nacht- und Loungewear für Damen, Herren und Kinder. Rund 80 Prozent der Stoffe entstehen noch in der eigenen Strickerei in Amriswil, gefertigt wird grösstenteils in der Schweiz und in Europa. Bei der Produktion setzt ISA auf Nachhaltigkeit. Mit zertifizierten Materialien, kurzen Transportwegen und Solarenergie im eigenen Werk in Portugal.